Forschen für die Nahrung von morgen: Neues Forschungszentrum für Lebensmittelproduktion an der HS Anhalt

Lebensmittelforschung und -entwicklung ist ein wichtiges Thema an der Hochschule Anhalt. In Zukunft soll es eine noch größere Rolle spielen. FOTOS: ANDREAS STEDTLER, STEFFEN SCHELLHORN, HOCHSCHULE ANHALT

Zukunftsland Sachsen-Anhalt

Forschen für die Nahrung von morgen: Neues Forschungszentrum für Lebensmittelproduktion an der HS Anhalt

Lebensmittel: An der Hochschule Anhalt entsteht ein Großprojekt für nachhaltige Produktion.

Fleisch, das nicht von Tieren stammt, sondern unter Laborbedingungen herangezüchtet wird. Algen, die reichlich Protein und weitere wertvolle Nährstoffe liefern. Die Vorstellung, solche Nahrungsmittel auf dem Teller zu haben ,mag für viele noch ungewohnt klingen. Künftig könnten Produkte wie diese aber ganz selbstverständlich in den Supermarktregalen zu finden sein. Denn wenn es um die Lebensmittel der Zukunft geht, ist Innovation gefragt. Der Klimawandel bedroht Ernten rund um den Erdball, die Bevölkerung hat gerade erst die Marke von acht Milliarden Menschen überschritten.

26 Millionen Euro werden in den Hightech-Neubau investiert

Zur Lösung dieses globalen Problems will man auch in Sachsen-Anhalt beitragen. Dort entsteht an der Hochschule Anhalt am Standort Köthen in den nächsten Jahren das „Interdisziplinäre Forschungszentrum für nachhaltige Lebensmittelproduktion – InFonaL“. Rund 26 Millionen Euro werden dabei investiert, je zur Hälfte von Bund und Land finanziert. Die Ausschreibungen für den Neubau laufen im nächsten Frühjahr an, Baustart ist voraussichtlich 2024, und die Fertigstellung ist für 2027 geplant, erklärt Hochschulpräsident Prof. Dr. Jörg Bagdahn.

Es ist ein Projekt, das gerade in Sachsen-Anhalt Perspektive hat. „Die Ernährungsindustrie ist hier ein starker Wirtschaftsfaktor“, sagt Bagdahn. Mehr als ein Fünftel trägt die Branche im Bundesland zum Bruttoinlandsprodukt bei, auch bei der Zahl der Beschäftigten liegt sie vorne. „Das neue Forschungszentrum ist also für die Hochschule eine Chance, aber ebenso für die Wirtschaft.“ Denn die soll mit ihren Anliegen in dem Neubau, der auf rund 2.000 Quadratmetern Platz für ganze 27 Labors, sechs Professoren und mehr als 50 Mitarbeiter bieten soll, eingebunden werden. In einem großen Technikum könne man künftig beispielsweise Maschinen und Produktionsverfahren erproben – und damit direkt den Transfer aus der Forschung in die Praxis ermöglichen.

Hochschule Anhalt erhält Millionenförderungen für nachhaltiges Großprojekt

Mit ihrem Konzept hat die HS Anhalt etwas geschafft, was Hochschulen für angewandte Wissenschaften äußerst selten gelingt: eine solche Millionenförderung aus dem Programm „Forschungsbauten an Hochschulen“ von Bund und Ländern zu erhalten. Unter rund 180 Fördervorhaben seit Programmstart 2007 ist sie erst die vierte Einrichtung dieser Art, die vor den kritischen Augen des Wissenschaftsrates bestehen konnte. Und auch insgesamt erst die zweite Hochschule aus Sachsen-Anhalt, die überhaupt berücksichtigt wird – nach der Martin-Luther-Universität, die 2010 Mittel für ein Proteinzentrum zugesprochen bekam. Ein wenig Stolz auf die Teamleistung der HS Anhalt klingt daher verständlicherweise bei Jörg Bagdahn schon durch: „Das ist einer der ambitioniertesten Wettbewerbe in der Forschung bundesweit, dabei muss man hohe Hürden nehmen.“ Es ging daher nicht nur darum, die Vision für ein Hightech- Gebäude zu skizzieren, in dem die Kompetenzen aus verschiedenen Fachdisziplinen, von der Lebensmitteltechnologie über die Biotechnologie bis hin zur Informatik, räumlich gebündelt werden sollen. „Wir haben für das Projekt auch eine Forschungsstrategie für die nächsten 15 bis 20 Jahre entworfen“







„Das ist eine Chance für die Hochschule und dieWirtschaft.“
Jörg Bagdahn, Hochschulpräsident













Dabei steht im Fokus, Produkte und Herstellungsverfahren im Sinne von Nachhaltigkeit und Innovation zu entwickeln beziehungsweise zu optimieren – das alles einhergehend mit Ressourcenschonung und Einsparung von Co2-Emissionen. Zudem gilt es, die Qualität von Lebensmitteln zu gewährleisten, auch wenn es in dieser Hinsicht – etwa durch klimatische Einflüsse – immer wieder Schwankungen bei den Rohstoffen gibt. Und schließlich muss man sich insgesamt an einem sich wandelnden Konsumverhalten orientieren. „Gesunde Ernährung ist verstärkt gefragt“, sagt Bagdahn.

Im Detail soll es im „InFonaL“ um Aspekte wie die Optimierung von Produktionsketten in der Milchverarbeitung bis hin zum verstärkten Einsatz von Algen als Rohstoff gehen, bei dem die Hochschule bereits ein hohes Maß an Expertise besitzt. Und auch das eingangs beschriebene, sogenannte „In-vitro-Fleisch“ hat man im Blick. Dass dessen Herstellung grundsätzlich funktioniert, ist mittlerweile bekannt. Es gilt künftig, eine Produktion für den industriellen Maßstab zu etablieren – das soll ebenfalls eines von vielen Themen im neuen Forschungszentrum sein.

Wichtiger Standortvorteil im Wettbewerb um kluge Köpfe

Dieses wird im Übrigen auch selbst nachhaltig sein, wie der Hochschulpräsident erklärt. Es werde nachmodernen Energiestandards geplant, erste Probebohrungen für eine Beheizung mittels Erdwärmepumpen- Technologie hätten schon stattgefunden. 

Wissenschaftsminister Armin Willingmann (SPD) hat das Projekt bereits als Glücksfall für die Hochschule bezeichnet. Das sieht Jörg Bagdahn genauso. Auch deshalb, weil das neue Zentrum ein echter Standortvorteil sei, wenn es darum geht, künftig kluge Köpfe aus der Forschung für die Arbeit in Köthen zu gewinnen: „Eine solche Einrichtung verspricht schon ein besonderes Renommee.“


MATTHIAS MÜLLER

Viele weitere positive Beispiele zu #moderndenken in Sachsen-Anhalt lesen Sie hier #moderndenken: Moderne Denker (sachsen-anhalt.de )

Stärken suchen - und finden

Ein Aufholprozess macht aus dem ländlichen Raum noch keine Metropole. Darum wird es auch nicht gehen, denn es wäre eine falsch verstandene Form der Gleichheit beziehungsweise Angleichung von Lebensverhältnissen, die man nicht vergleichen kann. Vielmehr aber bietet das Leben auf dem Land die Chancen für neue Formen des Zusammenlebens, der Daseinsvorsorge und des Wirtschaftens.

Moderne Arbeit etwa findet nicht mehr unbedingt in verglasten Bürotürmen statt, sondern ist auch mit Blick auf die Weide vom Arbeitszimmer im mobilen Büro möglich. Digitales Lernen oder eine ebensolche medizinische Erstversorgung können Alltag werden und sind wichtige Faktoren, um dem Gefühl des Abgehängtseins entgegen zu treten, um nur einmal zwei Beispiele zu nennen. Das kann zu völlig veränderten Lebensformen und einer ganz neuen Attraktivität führen, die manche Regionen auch schon als "Luxus der Leere" bezeichnen und damit um Zuzügler aus überquellenden Städten werben.

Was von Politik und Wirtschaft mit dem beschrieben spröden Begriff der Transformation wird, kann gerade im Süden Sachsen-Anhalts beziehungsweise im Osten Deutschlands in den nächsten Jahren besonders gut gelingen. Denn es geht wieder einmal um gravierende Veränderungen, die bereits in den vergangenen 30 Jahren das Leben auf nahezu allen Ebenen geprägt haben. Mit diesen Erfahrungen ausgestattet, die bei weitem nicht nur positive waren, hat sich jedoch auch eine Kompetenz ausgeprägt, die es vielen ermöglicht, einzuschätzen, welche der neuen Wege wirklich fruchtbar oder eher nur furchtbar sein dürften.