Zukunftsland Sachsen-Anhalt

Ein Tisch für mehr Spaß im Heim: Care Table für Seniorenheime von senexis aus Dessau-Roßlau

Altenbetreuung: Eine Dessauer Firma erfindet ein „Care Table“. Damit können Senioren im Heim ihren Alltag neu erleben.

Christoph Schneeweiß vor dem Care Table. 2020 wurde der erste verkauft. FOTO: ANDREAS STEDTLER, GÜNTER BAUST, ANDREAS LÖFFLER, R. KÖHLER
Christoph Schneeweiß vor dem Care Table. 2020 wurde der erste verkauft. FOTO: ANDREAS STEDTLER, GÜNTER BAUST, ANDREAS LÖFFLER, R. KÖHLER

Auf einem großen Bildschirm leuchten im Vorführraum digitale Glühwürmchen. Christoph Schneeweiß steht davor und schiebt mit der Hand virtuell ein Glas über das Display. „Und dann fängt man damit die Glühwürmchen ein. So geht das immer weiter“, sagt der 26-Jährige. Im Hintergrund ist noch ein Glocken-Ton zu hören, als Zeichen für eine erfolgreiche Mission Glühwürmchen.

Dessauer Unternehmen erfindet „Care Table“ für Pflegeeinrichtungen

Dieses Spiel ist eins von vielen Funktionen, die Bewohner in Pflegeheimen mit dem „Care Table“ (zu dt. etwa: „Pflegetisch“) aufrufen können. Die Erfindung stammt aus Dessau-Roßlau und wird deutschlandweit in Einrichtungen eingesetzt. Hochgefahren sieht der digitale Aktivitätstisch aus wie ein dicker Flachbildfernseher oder ein überdimensionales Tablet. In einen Tisch ist ein großer Touchscreen eingelassen. Senioren können sich Medien anzeigen lassen, aber auch Spiele und Übungen für Körper und Geist auswählen oder mit ihren Lebenserinnerungen arbeiten. Inzwischen haben rund 450 Einrichtungen einen Care Table. Er ist auch ein Zeichen für die Zeitenwende in der Pflege: In den Einrichtungen wird die Digitalisierung immer mehr zum Thema.

Per Zufall kam eine völlig neue Idee

„Dabei hatten wir eigentlich etwas anderes vor. Das war eine reine Zufallsidee“, sagt Schneeweiß. „Wir kommen ja auch nicht aus der Pflege, aber das ist der Vorteil.“ Der drahtige junge Mann hatte 2019 die Senexis GmbH mit einem Partner, Tobias Jecht, gegründet. Sie ist ein auf die Pflege spezialisierter Technologieanbieter. Doch mit der ursprünglichen Idee, als IT-Dienstleister für Seniorenheime durchzustarten, kamen die Gründer nicht weit. „Wir hatten ein paar Aufträge, aber es lief nicht so gut.“ Bis sie zu einer Einrichtung im Mansfelder Land kamen, die für ein Projekt mit der Uni Halle zusammen arbeitete. Es ging um die Frage, wie Menschen über 80 Jahren mit einem großen Touchscreen in Tischform umgehen. Die Dessauer bauten den Prototypen. „Und der war ein Hit. Bei einem Besuch fragten die Bewohner schon, wann denn der Tisch wieder aufgebaut wird“, erzählt Schneeweiß. „Da hat es, Klick’ gemacht: Es gab Bedarf.“ Und so wurde eine verfeinerte Variante entwickelt. 

„Care Table“ ermöglicht zahlreiche Aktivitäten für Senioren

Die Anwendungen werden über Apps angesteuert. Insgesamt gibt es vier Hauptbereiche mit mehreren Unterkategorien. Vor allem Medien würden gut genutzt, sagt Schneeweiß. So rufen sich die Bewohner oft die Regionalzeitung oder die Tagesschau auf, die Texte lassen sich enorm vergrößern. „Viele haben eine Demenz, wollen aber trotzdem wissen, was in der Welt los ist.“ Es gibt Spiele wie Quizze oder Mensch ärgere Dich nicht. Da können auch vier Menschen um den - dann waagerecht gestellten - Tisch herumsitzen. Werden Bewohner also einfach vor dem Care Table geparkt? „Nein, es geht um soziale Interaktion und um Aktivierung, geistig und motorisch“, sagt Schneeweiß. Unter anderem gibt es auch Übungen wie Yoga im Sitzen oder Rückenschule, oder die Senioren begeben sich auf virtuelle Städtereisen. Nach Paris, Tokio, Südafrika, wo die meisten wahrscheinlich nie waren. Ein großes Feld ist die Erinnerungsarbeit. „Jemand, der um 1930 geboren wurde, hatte einen ganz anderen Alltag als wir heute. Mit der App sollen Erinnerungen an jene Zeit geweckt werden. Zu sehen sind beispielsweise Bilder von Einschulungen, Tanzabenden oder Frauen im Beruf. „Wir haben dazu mit dem Stadtarchiv Fotos herausgesucht und Hörgeschichten eingesprochen.“ Für die Mitarbeiter gibt es Hintergrundinformationen. Die XXL-Tablets auf Rädern können in Gemeinschaft oder allein auf dem Zimmer genutzt werden. Die meisten Senioren haben zunächst Berührungsängste, so Schneeweiß. „Sie wollen nichts falsch oder kaputt machen. Mit Anleitung legt sich die Skepsis schnell. Aber klar: Etwa ein Drittel will damit gar nichts zu tun haben.“

Stetige Weiterentwicklung des „Care Table“ als Erfolgsgarant

Der erste Care Table wurde 2020 verkauft, an ein Pflegeheim im sächsischen Aue in Sachsen. „Wir haben einfach überall angerufen und gefragt, ob Einrichtungen unser Produkt testen wollen. Relativ früh haben wir es auf Social Media beworben“, sagt Schneeweiß, der Volkswirtschaft in Leipzig studiert hat. Schon während des Studiums hatte er eine Firma gegründet, die Webseiten für Unternehmen erstellte. Die Funktionen für den digitalen Seniorentisch werden ständig weiterentwickelt, alle paar Monate kommen neue hinzu. Inzwischen gibt es viele Apps. „Die Anregungen kommen aus den Einrichtungen selbst. Gerade weil wir fachfremd sind, waren wir ab Tag eins auf deren Rückmeldungen angewiesen. Das ist etwas anderes als vorher viel zu komplizierte Konzepte zu erdenken, die dann im Alltag nicht praktikabel sind.“

Hohe Fluktuation belastet Heime

Auch für die Betreuungskräfte in den Seniorenheimen verändere der Care Table den Arbeitsalltag, so Schneeweiß. „Ein grundlegendes Problem ist immer der Betreuungsschlüssel. Es gibt eine hohe Fluktuation der Kräfte in den Heimen und eine große Belastung. Es bleibt nicht genug Zeit, um die Menschen individuell zu betreuen. Dabei hat jeder Bewohner andere Bedürfnisse. Wir hoffen, hier so eine Art Schweizer Taschenmesser an die Hand geben zu können.“ Doch eines kann der Care Table nicht: Er ist kein Produkt, das präventiv gegen Demenz wirkt. Das will Schneeweiß auch klarstellen. „Wir machen keine Gesundheitsversprechen. Der Care Table soll den Alltag beleben, abwechslungsreicher machen und mehr Spaß bringen.“ Die Entwicklung der Firma wirkt wie eine einzige Erfolgsgeschichte. Doch Schneeweiß kann auch von anderen Tagen erzählen. „Es ist wie eine Sinuskurve. Mal denkt man, man sei der König der Welt. Und mal überlegt man, ob man die Firma schließen muss. Am Anfang ging manches schief“, sagt der Jungunternehmer. „Ein Unternehmen aufbauen, ist letztlich kein Sprint, sondern ein Marathon.“

"Ein neues Unternehmen aufbauen ist ein Marathon."
Christoph Schneeweiß, Chef der Senexis GmbH 

Inzwischen sind 16 Mitarbeiter beschäftigt. „Wir sind jetzt in einer Phase, in der ich mehr Hüte abgebe. Wir schaffen gerade eine zweite Führungsebene.“ Schneeweiß ist da angekommen, wo er hin wollte. Schon sein Großvater und Vater hatten in Dessau Firmen gegründet. Die Resonanz auf den Care Table sei gut. „Die Leute kommen mehr ins Gespräch, spielen über Stunden zusammen. Viele Pflegeheime legen sich jetzt schon den zweiten Tisch zu.“

BU: Christoph Schneeweiß vor dem Care Table. 2020 wurde der erste verkauft.


LISA GARN

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